Warum ich keine Digitale Nomadin bin – und auch keine werden möchte!

Liebe Leserinnen und Leser,

wisst ihr, was digitale Nomaden sind?

Der Lebensstil der ‚Digitale Nomaden‘ wird immer bekannter und wurde mittlerweile von einigen Medien aufgegriffen, z.B. im Spiegel und Focus – in Berlin findet außerdem im Mai die DNX – Digitale Nomaden Konferenz statt, das Interesse ist enorm.

Wer sind digitale Nomaden – was bedeutet digitales NomadInnentum eigentlich?

Der Wikipedia-Eintrag definiert diesen Livestyle folgendermaßen:

„Ein Digitaler Nomade (auch: Internet-Nomade) ist ein Unternehmer oder auch Arbeitnehmer, der fast ausschließlich digitale Technologien anwendet um seine Arbeit zu verrichten und der einen Lebensstil führt, der eher als nicht sesshaft, ortsunabhängig oder multilokal zu bezeichnen ist. Digitale Nomaden arbeiten typischerweise mit Remote-Internet-Technologie – von zu Hause, im Hotel, im Cafe, im Internetcafé oder in öffentlichen Bibliotheken. Ihr Arbeitsplatz ist zumeist dort, wo Internet-Zugriff besteht.“

Florian (Flocblog) hat für Wireless Life diesen Lebensstil noch genauer unter die Lupe genommen und eine weitere Begriffsdefinition vorgelegt:

„Ein digitaler Nomade ist jeder, der dank einem ortsunabhängigen Einkommen gerade in diesem Moment ein vom Aufenthaltsort unabhängiges Leben führt.“

Internet in NicaraguaDiese Definitionen schließen jedoch die meisten Expats ImmigrantInnen, GastarbeiterInnen oder generell Personen, die fern von ihrem Geburtsort arbeiten aus. Diese Menschen leben oftmals einen nomadischen Lebensstil, sie arbeiten womöglich auch mit digitalen Technologien, aber ihre Tätigkeiten sind meistens an einen Ort gebunden.

Da ich auch gerade ein Gehalt beziehe, das an eine physische Anwesenheit geknüpft ist, dürfte ich bei den Digitalen NomadInnen also auch gar nicht mitspielen.

 

Doch wisst ihr was? Ich will auch gar keine Digitale Nomadin werden!

Warum denn das? – Dieser Lebensstil klingt doch großartig – nach Freiheit, Sand unter den Füßen, Salz im Haar und ewigen Sonnenschein.

digitale nomaden workstationUnd ich liebe diese Freiheit, ich reise mittlerweile seit 18 Jahren, mal länger mal kürzer, mal beruflich mal unabhängig und frei, war schon in soundovielen Ländern (ich hab keine Ahnung, ehrlich!) und auf fast allen Kontinenten. Doch das Reisen ist keine Bucket List, ich muss nicht unbedingt als nächstes den Kontinent besuchen, der ‚mir noch fehlt‘.

Freiheit ist großartig, der Ausbruch aus dem Hamsterrad ebenso! Aber leider kann man vor sich selbst nicht davon laufen. Und schon gar nicht vor der Verantwortung, die man als BewohnerIn dieses Planeten trägt.

Die Frage, die sich stellt, ist: Bestimmt das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein oder umgekehrt? Beziehungsweise wie hätten wir es gerne, wenn wir unseren Lebensstil definieren?

Womit wir beim Thema wären!

Ich finde die Idee des digitalen NomadInnen-Lebens großartig – ABER ich plädiere für mehr politisches Bewusstsein in der Szene. Ein kleiner Anfang wäre eine gendergerechte Sprache auf all den von Digitalen NomadInnen betriebenen Blogs (aber das ist ein anderes Thema, bzw. wurde schon behandelt).

Am x-beliebigen Strand alle Wifi Passwörter auswendig zu kennen ist eine Fähigkeit – aber, in dem Land, in dem man für Monate zu Besuch ist nicht zu wissen, welches politische System herrscht, welche Sprache gesprochen wird, was die Haupteinnahmequelle der Bevölkerung ist, welche Ethnien man antrifft, usw. – das darf einer digitalen NomadIn nicht passieren!

Und das passiert auch nicht! – denn schließlich steht das Internet mit all seinen Informationen (fast) immer bereit. Natürlich informieren sich Digitale NomadInnen über ihre GastgeberInnen und sie sind gegenüber kulturellen Eigenheiten sensibel:

Deshalb plädiere ich für eine Umbenennung – Von Digital Nomads in Global Citizens!

Was ist ein Global Citizen?

Laut Oxfam ist ein Global Citizen jemand, die/der sich der großen weiten Welt und der eigenen Rolle als WeltbürgerIn bewusst ist.

Natürlich gibt es keinen globalen Pass, ErdenbürgerInnen sind wir trotzdem alle. Aber nur auf diesem Planeten geboren zu sein, ist nicht genug, um als Global Citizen zu gelten.

Grundvoraussetzung für das Reisen, egal ob Kurztrip oder digitales NomadInnen-Dasein sollte die respektvolle Kommunikation zwischen BesucherInnen und lokaler Bevölkerung sein, wobei die Reisenden Wissen über die Kultur der GastgeberInnen mitbringen sollten. Ein Global Citizen versucht diese Welt besser zu verstehen, indem sie/er zuerst ihre Einstellungen und Verhaltensweisen reflektiert und dann versucht größere Zusammenhänge, wie Armut&Reichtum, globale politische Wechselbeziehungen und strukturelle Gegebenheiten zu begreifen.

Natürlich ist das alles nicht so einfach: Bücher über Weltsystemtheorien, globalen Kapitalismus oder Globalisierung, Migration und Armut usw. usf. gibt es zur Genüge, doch bringen diese Bücher meist nicht die alles erklärenden Antworten – sondern nur noch mehr Fragen hervor. Der Begriff des Global Citizens wird auch oft kritisiert, als eurozentristisches Konzept gehandelt. Denn Citizenship bedeutet auch politische Teilhabe, und die wird den meisten MigrantInnen nicht so einfach gewährt. Doch stört es eine Digitale NomadIn, dass sie an ihrem Aufenthaltsort nicht an Wahlen teilnehmen kann? Wenn es (politisch) ungemütlich wird, kann man schnell das Land verlassen, wenn man krank wird, greift die Versicherung aus dem Geburtsland ein. Würde man manche Global Citizens oder Digitale NomadInnen als ‚Wirtschaftsflüchtlinge‘ bezeichnen, da sie mit ihrem digital generierten Einkommen in Ländern mit niedrigerer Wirtschaftsleistung ‚besser‘ leben können?

Und wenn wir uns selbst manchmal nicht verstehen – wie sollen wir dann ‚die Welt’ begreifen?

Doch darum geht es gar nicht! Es geht darum, etwas aus unserem Privileg (z.B. Bildung, Mobilität) zu machen. Es geht darum, neugierig zu bleiben, die Perspektive öfter mal zu wechseln und zu verstehen, dass wir einzigartig und besonders sind, wir alle, wir 7 Milliarden Bewohnerinnen und Bewohner dieses Planeten.

Also, wo steht ihr? Für was steht ihr ein? Wollt ihr Global Citizens werden – der Vorteil: ihr könnt euch selbst als solche definieren, egal wo ihr seid und warum!

Und ja: wir sehen uns auf der DNX!

 

tiefer…länger…nachhaltiger

Von |2017-01-03T19:08:55+00:0012/03/2015|

2 Comments

  1. Manuel 13/03/2015 at 23:47 - Reply

    Hallo Eva!

    Ein toller Artikel!
    Ich stehe selbst kurz vor dem Aufbruch zu einer langen Reise. Im Juli geht es für meine Partnerin und mich 2 Jahre (vorerst) in die Welt. Und wenn ich darüber nachdenke, was ich mir erhoffe, welche Erfahrungen ich machen will, wie ich die Welt und die Menschen darin erleben will, dann würde ich mich definitiv zu den „Global citizen“ zählen. Das Reisen ist doch mehr, als sich an schönen, sonnigen Plätzen ins Internet einloggen zu können. Reisen ist Suchen. Suchen nach Farbe, nach Abwechslung, nach Besonderheiten. Reisen ist dafür da die Welt zu verstehen und setzet dabei dort an, wo das Wissen aus Büchern nicht mehr ausreicht. Wo nur noch der staub fremder Straßen an den Sohlen einem den erhofften Einblick gibt.

    Ich konnte mich nie so richtig mit dem Begriff „Digitaler Nomade“ identifizieren, war immer der Meinung, dass die Ziele dieser Gruppe in eine andere Richtung gehen, wenn auch nicht in völlig entgegengesetzter.
    Aber fand ich auch keine bessern, bis jetzt. Danke dafür!

    Lieben Gruß Manue

  2. Eva 14/03/2015 at 0:03 - Reply

    Lieber Manuel!
    Danke, freut mich dass dir der Text gefällt. 2 Jahre sind perfekt um ‚tiefer‘ zu reisen, länger an schönen Orten und mit neuen Bekanntschaften zu verweilen. Genießt die Zeit (und auch die Vorfreude ;)), ich bin gespannt auf die Reiseberichte auf deinem/eurem Blog und werde euch ‚verfolgen‘.
    Liebe Grüße,
    Eva

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