Du möchtest gerne digitale NomadIn werden, weißt aber nicht so genau wie? Du schaffst den Absprung aus dem Hamsterrad nicht und fragst dich, woran es liegt? Vergiss dein Mindset, deine Routine und deinen Businessplan mal kurz und lass uns über das System sprechen. Wenn du dich mit den Hintergründen befasst, kommst du deinem Ziel vielleicht schon näher.

Eine Einführung in die kritisch politische Ökonomie

Vor mehr als einem Jahr habe ich schon darüber geschrieben, warum ich (wenn schon eine Schublade notwendig ist) bevorzugt als Global Citizen statt als Digitale Nomadin bezeichnet werden möchte. Je bekannter der ‚Lifestyle’ Digitales Nomadentum wird, umso mehr Kritik findet sich im Netz. Selbstreferenzialität wird den NomadInnen vorgeworfen, dass sie Produkte in ihrer Blase für ihre Blase erschaffen und nur die an der Spitze der Pyramide wirklich davon leben können. Und dann oft auch nur, wenn sie ihre Einnahmen am Fiskus vorbei schwindeln. In Österreich lautet die passende Antwort darauf: Ja, no na net! – Übersetzt: Was habt ihr denn erwartet?

DNX Digitale NomadInnen KonfernezKritik ist grundsätzlich eine gute Sache, sie zeigt andere Perspektiven auf und kann ein Umdenken einläuten. Problematisch ist, wenn sich der Fokus unserer Kritik auf Individuen oder Einzelinitiativen richtet und damit der Blicke auf strukturelle Probleme ausgeblendet wird. Du hast ein Ebook, einen Onlinekurs, ein Konferenzticket und eine Workation gekauft und bist immer noch nicht erfolgreich im Onlinebusiness? Wer könnte daran ‚schuld’ sein? Man könnte an sich selbst arbeiten, das Mindset optimieren, noch einen Kurs machen und sich 10 Ratgeber kaufen, oder man schiebt die Schuld auf die AnbieterInnen, die hier einen Traum aus der Blase verkaufen, der für dich wohl unerreichbar bleibt. Doch hast du dich schon einmal gefragt, welche Mechanismen im Hintergrund dafür verantwortlich sein könnten, dass du in deinem (um beim wording zu bleiben) Hamsterrad feststeckst? Dir fehlt es nicht am Mindset und Morgenroutine, dir fehlt es an folgendem:

1) Privateigentum an Produktionsmitteln – sprich Kapital

2) ArbeiterInnen, die deine Produktionsmittel in Mehrwert verwandeln

3) Politischen Einfluss

Nun könnte man meinen, im Informationskapitalismus gelten diese Regeln nicht mehr. Der Laptop ist ein ausreichendes Produktionsmittel, diverse Dienstleistungsplattformen stellen billige Arbeitskräfte zur Verfügung und Politik braucht’s ja nicht als NomadIn. Aber ganz so einfach ist es nicht. Wenn du Digitale NomadInnen werden willst, musst du erstmal den richtigen Platz für dich in einem kapitalistischen System finden.

Im Kapitalismus werden die Reichen reicher und die Armen ärmer. Die Politik der Deregulierung, Privatisierung, Liberalisierung und der Trend zum globalen Turbokapitalismus führen auch dazu, dass die privilegierte mitteleuropäische Jugend einer Zukunft ohne Perspektiven entgegenblickt, die kreative Selbstverwirklichung sucht und keine Lust auf ein unbezahltes Praktikum hat. In Ländern mit niedrigeren Grundeinkommen sind bekanntlich die Lebenserhaltungskosten ebenfalls niedriger, was zu der Annahme verleitet, dort könne man mit ‚weniger’ ein ‚besseres’ Leben führen. Diese Sehnsucht ist total nachvollziehbar, nur sollte sie halt auch reflektiert werden.

Stichwort: Selbstausbeutung – was ist eine Stunde deiner Lebenszeit ‚wert’?

Mehrwert wird dadurch erschaffen, dass Arbeitskraft in ein ‚Ding’ gesteckt wird. Doch kann man den Wert der eigenen digitalen Produkte, bzw. der Arbeitszeit, die man in Projekte investiert, nicht immer selbst festlegen. Der Wert wird vom Markt bestimmt und darum ist man, nur weil man ein eigenes Onlinebusiness gründet, noch lange keine KapitalismusgewinnerIn. Damit meine ich, dass es keinen Unterschied macht, ob man als OnlineunternehmerIn auf einer tropischen Insel 10 Stunden am Tag am Laptop verbringt und programmiert, Waren auf Amazon verkauft, an der Börse zockt oder bezahlte Inhalte für größere Medienunternehmen verfasst. Auch für BloggerInnen gelten die selben Regeln am Markt, wie für andere MedienunternehmerInnen. Vielleicht kann man sich die Zeit freier einteilen, doch ob man sich selbst ausbeutet, oder sich von einer ArbeitgeberIn ausbeuten lässt, bleibt unter dem Strich das Selbe.

10522867_674488182661540_1754358517834673111_oIn einem Angestelltenverhältnis hat man zumindest Zugriff auf Sozial- und Gesundheitsleistungen im Herkunftsland. Wer es noch nicht geschafft hat, von eigenen Produkten zu leben, arbeitet im Grunde für Google, Amazon, oder für diverse andere Affiliateprogramme und die bestimmen die Rahmenbedingungen für deine Entlohnung. Deine eigenen Produkte kannst du über deine eigenen Kanäle vertreiben, deine Vertriebskanäle Google und Social Media sollten halt keine großen Änderungen vornehmen, sonst kann dein Businessmodell schnell zusammenbrechen.

Aber natürlich ist man als Online-UnternehmerIn ‚freier’ als in einem Angestelltenverhältnis. Seine eigene ChefIn sozusagen. Das bedeutet aber auch, dass man sich irgendwann vielleicht damit auseinandersetzen muss, MitarbeiterInnen einzustellen. Haben alle Grundkenntnisse in Lohnverrechnung? Mit der Berechnung von Beiträgen für Krankenkassen, mit den jeweiligen Paragrafen, Nummern und Sätzen? Wie läuft das dann mit dem Finanzamt? Der damit verbundene bürokratische Aufwand ist vermutlich ähnlich wie die Steuerflucht. Die Lösung scheint zu sein, das Business woanders anzumelden, trotzdem die Rechnungen in Euro zu stellen und die Angestellten im Internet zu finden. Die kann man dann leider nicht versichern, sorry! Aber Sozialversicherung war sowieso 0er Jahre, oder?

Nicht alle Digitale NomadInnen wollen ein Teil dieses ausbeuterischen System sein, richtig? Wenn du dich angesprochen fühlst, dann click mal den ‚social’ Button und überlege, wie du deine Umwelt schöner, besser und gerechter machen könntest.

Was ist ein Social Nomad?

Um diesen Rant zu einem optimistischeren Ende zu bringen, will ich dir die Idee des Sozialen NomadInnentums näher bringen. Social Nomads sind Menschen, die nicht in die Kategorie ‚OnlineunternehmerIn unterwegs’ passen und sich auch sonst schwer in Schubladen stecken lassen. Social Nomads sind nach meiner Definition Digitale NomadInnen, die sich engagieren (sei es politisch, sozial, kulturell oder ökologisch) und sich auch als Global Citizens mit Privilegien und Verantwortung fühlen.

Im nächsten Teil dieser Serie werden wir genauer erklären, was wir damit meinen. Außerdem zeigen wir unterschiedliche Wege auf, wie man Social Nomad werden kann. Stay tuned!

Hast du noch Fragen, möchtest du etwas ergänzen, möchtest du darüber diskutieren? Sei nicht schüchtern und hinterlasse einen Kommentar – wir freuen uns darauf.

 

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