Kinderschutz spielt bei allen Arten des Reisen eine äußerst wichtige Rolle. Speziell bei Volunteer Reisen sollte dem Kinderschutz höchste Priorität zukommen und angehende Freiwillige sollten von Anfang an für dieses Thema sensibilisiert werden.

Die Organisation ECPAT Österreich setzt sich seit vielen Jahren für die Rechte der Kinder ein. In einem aktuellen Projekt werden spezielle Kinderschutzstandards für Freiwilligeneinsätze im Ausland erarbeitet. Wir haben ECPAT zum Interview getroffen:

1) Was ist ECPAT Österreich und was macht ihr genau?

DeeperTravel_ECPAT_KinderschutzECPAT steht für End Child Prostitution, Child Pornography And Trafficking of Children for Sexual Purposes.

ECPAT Österreich wurde im November 2003 als eine Fachstelle gegründet, die sich gegen jegliche Form der kommerziellen sexuellen Ausbeutung von Kindern einsetzt. Die Arbeitsgemeinschaft ist eine bundesweite Plattform von zwölf Nichtregierungsorganisationen, die in den Bereichen Kinderrechte bzw. in der Entwicklungszusammenarbeit tätig sind. ECPAT Österreich versteht sich als Fachstelle und Ansprechpartner für die Bekämpfung von sexueller Ausbeutung von Kindern in Österreich. ECPAT Österreich ist Teil des internationalen Netzwerks ECPAT International bestehend aus weltweit 90 Organisationen in 82 Ländern. In Kooperation mit Regierungsstellen und der Privatwirtschaft (z.B. der Tourismusindustrie) arbeitet das ECPAT Netzwerk daran, Kinder vor sexueller Ausbeutung zu bewahren und ihre Rechte zu schützen. Der Hauptsitz von ECPAT International ist in Bangkok, Thailand. Informationen zu Themen und Projekten sind unter www.ecpat.at zu finden.

2) Worum geht es bei eurem Projekt: Kinderschutz im Reisegepäck? Kinderschutzstandards für Freiwilligeneinsätze im Ausland.

Das von der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit geförderte Projekt läuft seit dem 01. Mai 2016 und endet mit 31. Dezember 2017. Es hat sich zum Ziel gesetzt, einen Beitrag zum Schutz von Kindern in Entwicklungsländern vor Gewalt und sexuellen Übergriffen zu leisten, indem Kinderschutz auch bei Freiwilligeneinsätzen stärker ins Blickfeld rückt.

ECPAT und andere Kinderrechtsorganisationen beobachten mit Sorge schon seit Jahren, dass die Nachfrage nach sogenannten Voluntourismus Angeboten steigt. Im kommerziellen Bereich sind das meist pauschale Pakete, die Kurzzeiteinsätze für Freiwillige beinhalten, häufig auch in Waisenhäusern. In unserem Projekt unterscheiden wir zwischen kommerziellen und nicht-kommerziellen Anbietern. Wir bieten Beratung zur Entwicklung und Umsetzung einer Kinderschutzrichtlinie und fördern den Austausch zwischen den unterschiedlichen Akteuren. Schwerpunkt des Projekts ist die Entwicklung von Standards für Kinderschutzmaßnahmen bei Freiwilligenweinsätzen im Ausland. Durch die Entwicklung und Verbreitung von Kinderschutzstandards angepasst an die unterschiedlichen Herausforderungen von kommerziellen und nicht-kommerziellen Anbietern setzen wir eine Maßnahme Freiwillige für Kinderschutz zu sensibilisieren und kinderrechtsverletzende Programme vom Markt zu verdrängen.

3) Wer ist eure Zielgruppe?

In diesem speziellen Projekt, das ein sehr kleines ist, sind es in erster Linie Anbieter von kommerziellen wie auch nicht-kommerziellen Angeboten von Freiwilligeneinsätzen in Österreich, die wir bei der Entwicklung von Kinderschutzstandards unterstützen wollen. Grundsätzlich ist jede Person, die an der Organisation und Durchführung eines Freiwilligeneinsatz beteiligt ist, Teil unserer Zielgruppe. Dazu gehören auch Organisationen in der Zieldestination und natürlich die Freiwilligen selbst. Abseits dieses Projektes setzen wir uns für den Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung im Tourismus ein. Daher gehören eigentlich auch alle Unternehmen, Organisationen und Personen, die an der Gestaltung einer Reise beteiligt sind zu unserer Zielgruppe. In diesem Fall sind das VertreterInnen der Tourismusindustrie, von Fluggesellschaften, Reiseveranstaltern über Hotels, Restaurants bis zum lokalen Tourguide und vielen mehr.

4) Wie steht ihr zum so genannten Waisenhaustourismus?

Besuche von Waisenhäusern dürfen kein touristisches Produkt sein. Da sind wir sehr strikt. Allein durch die Existenz des Begriffes „Waisenhaustourismus“ werden wir eines besseren belehrt. So zeigen Recherchen (z.B. Better Care Netwok 2014), dass die große Mehrheit der Voluntourismus-Anbieter, Projekte und Besuche in Waisenhäusern im Programm haben. Durch das zunehmende Interesse an Besuchen und an der Mitarbeit in Waisenhäusern steigt auch die „Nachfrage“ von Kinderheimen nach Waisen. In Kambodscha haben 85 Prozent aller „Waisenkinder“ in Heimen noch mindestens ein lebendes Elternteil (Unicef 2011).

Brot für die Welt – Tourism Watch hat gemeinsam mit ECPAT Deutschland e.V. und dem Arbeitskreis für Tourismus & Entwicklung (akte) eine Studie herausgegeben, die erhebliche Defizite in Bezug auf Kindesschutz und nachhaltige Entwicklung bei vielen Angeboten im Voluntourismus belegt.

Hier geht klar hervor, dass es abgesehen von Projekten in Waisenhäusern noch unzählige weitere Berührungspunkte von Freiwilligen mit Kindern im Zuge eines Einsatzes gibt. Projekte mit Kindern in Schulen, Kindergärten oder Jugendtreffs oder Aufenthalte bei Gastfamilien geben Gelegenheit Zeit mit Kindern alleine zu verbringen. Hier werden Kinder nicht ausreichend geschützt. Auch die Darstellung von Kindern auf Fotos oder bei Werbemaßnahmen der Organisation kann die Rechte von Kindern verletzen.

Kinderschutz_ECPAT_DeeperTravelBei Projekten mit Kindern sollte man eine entsprechende pädagogische Ausbildung mitbringen und eine Aufenthaltsdauer von mindestens einem Jahr einplanen. In jedem Fall sollten alle am Projekt beteiligten Organisationen über eine Kinderschutzrichtlinie verfügen und ein polizeiliches Führungszeugnis verlangen.

Auf www.nicht-wegsehen.at können Verdachtsfälle von Kindesmissbrauch weltweit unabhängig von Kenntnissen der jeweiligen Landessprache schnell und einfach gemeldet werden. Hier findet man Informationen und hat die Möglichkeit Beobachtungen direkt an das Bundeskriminalamt (.BK) oder an ECPAT weiterzugeben.

5) Was sollen eurer Meinung nach angehende VoluntouristInnen bei der Auswahl eines Projektes berücksichtigen?

Hier können wir nochmals auf die Studie von Brot für die Welt – Tourism Watch, ECPAT Deutschland e.V. und dem Arbeitskreis Tourismus & Entwicklung (akte) verweisen und natürlich Weltwegweiser und Deeper Travel.

Aber trotzdem kurz ein paar Schlagworte:

  • Seid kritisch und ehrlich zu euch selbst! Fragt euch immer ob das Projekt euch oder die lokale Bevölkerung vor Ort bereichert.
  • Bei Projekten mit Kindern ist es wichtig, auf die Aufenthaltsdauer zu achten. Seriöse Anbieter verlangen ein polizeiliches Führungszeugnis und eine entsprechende Ausbildung.
  • Auch auf die Darstellung von Kindern auf Fotos in den Werbeunterlagen sollte man achten.
  • Achtet darauf, ob das Unternehmen oder die Organisation über eine Kinderschutzrichtlinie verfügt. Bei kommerziellen Anbietern kann man darauf achten, ob das Unternehmen den Kinderschutzkodex gegen sexuelle Ausbeutung von Kindern im Tourismus – TheCode unterzeichnet hat.
  • Solltet ihr vor Ort einen Verdachtsfall bemerken, unbedingt melden ohne euch selbst einer Gefahr auszusetzen! nicht-wegsehen.at Hier kann man meist auf sein Bauchgefühl vertrauen.

6) Was bedeutet für euch ‚tieferes Reisen’?

‚Tieferes Reisen‘ ist Reisen mit Verantwortung und Respekt. Sich auf die Kultur und das Leben in der Reisedestination einzulassen, aber trotzdem manche Dinge kritisch zu hinterfragen. Dazu gehören unter anderem der Schutz von Kindern und die Wahrung von Menschenrechten. Für uns bedeutet Reisen „Lernen“ ohne Bücher, Computer oder Internet, sondern einfach nur mit offenem Herzen, Augen und Ohren. Manchmal übers Riechen und oft auch übers schmecken und fühlen. Diese Einstellung sollte man vom Reisen in den Alltag mitnehmen und sich auf Fremdes und Neues mit Verantwortung und Respekt „tiefer“ einlassen.

7) Was habt ihr in Zukunft vor?

ECPAT_DeeperTravel_KinderschutzDie Tourismusindustrie und vor allem Reisende weiterhin auf das Thema Kinderschutz sensibilisieren. Einen Beitrag dazu leisten, dass die Tourismusindustrie ihre Verantwortung erkennt und wahrnimmt. Kinderschutz sollte entlang der gesamten Dienstleistungskette, im Umgang mit Geschäftspartnern, Behörden, MitarbeiterInnen und natürlich den Reisenden implementiert sein. Als österreichische Vertretung des internationalen Kinderschutzkodex gegen sexuelle Ausbeutung im Tourismus (TheCode), stellen wir den Unternehmen ein Werkzeug zur Verfügung, um eine Kinderschutzrichtlinie zu entwickeln und einzuführen und begleiten den Prozess. Außerdem leisten wir Sensibilisierungsarbeit an Tourismusschulen und machen Workshops und Informationskampagnen. Hinzu kommt natürlich auch die Bewusstseinsbildung bei öffentlichen Stellen und Behörden. Je offener mit dem Thema umgegangen wird, desto weniger können sich TäterInnen verstecken. In all diesen Themen und Bereichen werden wir uns in Zukunft weiterhin intensiv engagieren.

Zum Abschluss möchten wir noch diesen kurzen Spot des Projekts „Don’t Look Away – be aware & report the sexual exploitation of children in travel and tourism!“ (2012-2015) teilen: WitnessSpot ECPAT „Gegen das Wegsehen”.

Weitere Infos unter: www.ecpat.at

Fotos © ECPAT Österreich

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