Wir stellen vor: Reisen und Bildung in der ‚Schule am Meer‘

Liebt ihr das Meer? Dann ist dieses Interview genau das richtige für euch! Der Zoologe und Biologe Dr. Robert Hofrichter, Leiter der Schule am Meer und Gründer des wissenschaftlichen Vereins mare-mundi hat uns sieben Fragen über seine Projekte und seine Visionen beantwortet. Studienreisen und Exkursionen bieten eine großartige Möglichkeit tiefer zu reisen, außerdem kann man bei der Schule am Meer auf der Insel Krk in Kroation auch ein Volunariat absolvieren. Wir bedanken uns für das Interview und wünschen viel Spaß beim Lesen!

1) Was ist die Schule am Meer und was genau macht ihr?

Die Schule am Meer hat sich mit ihren Grundkonzepten in den letzten 17 Jahren entwickelt. Angefangen hat es damit, dass sich viele Studierende aus Österreich, Deutschland und der Schweiz dafür interessiert haben, Meeresbiologie mit mir zu machen. Ein großartiger Standort dafür war Isola del Giglio im Toskanischen Archipel. Das hat dann über viele Jahre gut funktioniert, nur wollten meine neu gewonnenen Freundinnen und Freunde immer weiter mit mir reisen und immer exotischere Tiere erleben (wie etwa den Walhai). Also habe ich damit begonnen, Exkursionen auf die Seychellen, Malediven, ans Rote Meer, später auch Galapagos, Papua, Indonesien, Azoren und viele andere Destinationen anzubieten. Es war eine wunderbare, lehrreiche und intensive Zeit, bei der ich sehr viel über die Meere der Welt gelernt habe. Die weite Fahrt nach Giglio wurde mir aber irgendwann lästig, und ich habe überlegt, wo könnte man näher an Mitteleuropa eine passende Destination finden. Letztlich entschied ich mich für die Insek Krk. Das ist nicht nur die größte Insel der Adria, sondern auch jene, die für uns in Mitteleuropa am schnellsten zu erreichen ist. Nach nur vier Stunden Autofahrt aus Salzburg erblicke ich sie bereits, wenn ich die alte Hafenstadt Rijeka (früher Fiume genannt) erreiche.

Schule am Meer_ExkursionSeit 2008 bin ich also mit der Schule am Meer auf Krk. Der Grundgedanke ist: Das Mittelmeer gehört zu den am stärksten verschmutzten, geplünderten und am meist gefährdeten Meeren der Welt. Die Millionen Besucher, die jährlich kommen, kriegen es oft gar nicht oder nur am Rand mit – sie konsumieren einfach ihren wohlverdienten Urlaub. Und die junge Generation, von der die künftige Entwicklung abhängt, lernt viel zu wenig über das Mittelmeer. Da muss man dringend etwas unternehmen, sagte ich mir die ganze Zeit. Daraufhin gründete ich den Meeresschutzverein mare-mundi und als dessen Feldstation die Schule am Meer auf Krk. In den letzten Jahren haben bereits unzählige Schulen unsere kleine Einrichtung besucht. Manche von den einstigen SchülerInnen sind heute StudentInnen der Biologie und widmen sich dem Meeres- und Naturschutz. Wenn man nach Jahren eine E-Mail bekommt und erfährt, dass unsere Exkursion tiefe Spuren hinterlassen hat und die Berufswahl und Weltsicht geprägt hat, ist man glücklich und zufrieden. Denn genau das wollen wir vermitteln. Die Zukunft ist nicht etwas schicksalhaftes, was in keiner Weise mit unseren Handlungen zusammenhängt, ganz im Gegenteil. Wir selbst sind es, wir alle, alle KonsumentInnen dieser Erde, die die Zukunft mitgestalten.

Wir vermitteln also eine ordentlich Portion Wissen über die Naturgeschichte des Mittelmeeres und versuchen das mit einer angemessenen Prise von Begeisterung für den Meeresschutz zu würzen. Positiv ist, dass dies von den LehrerInnen und SchülerInnen sehr gut aufgenommen wird. Forschung, Bildung und Meeresschutz sind die drei Grundsäulen des Vereins, all das unter dem Motto “meer wissen erleben”.

2) Wie finanziert ihr euch?


Schule am Meer_mikroskopmare-mundi
 
mit dem Projekt der Schule am Meer ist eine NGO (Nicht-Regierungs-Organisation) und NPO (Non profit Organisation). Wir werden streng von den Behörden überwacht. Was erlaubt ist und was nicht ist genau definiert. Wir versuchen kleine und größere Sponsoren davon zu überzeugen, dass alle eine Verantwortung für dieses einzigartige Meer tragen. Wir bieten Schulen Meeresprojektwochen und Exkursionen an und setzen das so erworbene Geld für Bildung, Forschung und Meeresschutz ein. Letztlich dient also die Weitergabe von Wissen und Erfahrung, die Bildung also, einem doppelten Zweck: Aufklärung zu betreiben und die Jugend zu unterweisen und zugleich um Geld zu verdienen, um sich der Forschung und dem Meeresschutz widmen zu können.

Wir sind wie andere NGOs auch substanziell von Spenden abhängig. Darum hoffen wir, dass sich zunehmend mehr Liebhaber des Mittelmeeres bei uns melden werden, die über überschüssige finanzielle Mittel verfügen.

3) Wie schätzt ihr das Potenzial von Reisen für Bildung ein?

Reisen bildet, das war noch nie anders. Seit den Anfängen der Wissenschaft hat Reisen eine Schlüsselrolle gespielt. Was sich in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten grundsätzlich ändert ist das rapide, exponentielle Wachstum der Weltbevölkerung. In nur etwas mehr als 80 Jahren ein Anstieg von zwei auf mehr als sieben Milliarden Menschen. Damit sprechen wir ein oder das Grundproblem der Menschheit an: Die Überbevölkerung unseres Planeten. Wenn es nicht gelingt, den rapiden Anstieg der Weltbevölkerung zu verlangsamen oder gar zu stoppen kann man vermutlich auch die Naturzerstörung nicht stoppen.

Schule am Meer_SchnorchelnUnter den Milliarden sind auch viele UrlauberInnen. Und diese Reisen aus Europa ans Mittelmeer, hunderte Millionen. Sie verbrauchen Ressourcen wie Fische und Wasser, hinterlassen Unmengen von Dreck, vernichten die letzten intakten Lebensräume am Mittelmeer. Die Reiseindustrie ist also ein zweischneidiges Schwert: Sie befriedigt die Bedürfnisse und Sehnsüchte der Menschen, die völlig berechtigt und verständlich sind, doch wenn sie unkontrolliert ausufert, zerstört sie die Lebensgrundlagen künftiger Generationen. Nicht alles kann sich regenerieren. Manches ist unwiederbringlich weg, für alle Zeiten.

Reisen bildet – und heute kann man nicht mehr reisen, ohne dass man sich über die Umweltaspekte Gedanken macht. Das versuchen wir zu vermitteln.

4) Wie steht ihr zu Freiwilligenarbeit im Ausland?

Sie ist von großer Bedeutung für NGOs, selbst für die Großen. Denn es wäre finanziell unmöglich so viele hochqualifizierte Arbeitskräfte anzustellen. Es war immer schon so, dass Praktikanten und Volontäre nach solchen Möglichkeiten gesucht haben, um Erfahrungen zu sammeln, Zeit im Ausland zu verbringen und die eigenen künftigen Berufsaussichten zu steigern. Wenn junge Menschen mit großer Begeisterung solche Dienste leisten, können sie dabei sehr viel lernen, und zwar Dinge, die man an Unis selten in der Form lernt. Bei uns erleben sie den Allag eines Meeresbiologen, den so genannten Ökotourismus, schulen ihre didaktischen und rhetorischen Fähigkeiten, lernen viel über das Meer allgemein und ganz speziell über das Mittelmeer.

5) Setzt ihr Volunteers ein und wenn ja, in welchen Bereichen?

Schule am Meer_ForschungDie Volunteers helfen uns zunächst unsere Infrastruktur zu verbessern: Es müssen Aquarien eingerichtet werden, Sammlungen sortiert und beschriftet werden, Datenbänke müssen verwaltet werden, darunter tausende Fotos von verschiedensten Meeresbewohnern. Sie helfen den ForscherInnen und JungforscherInnen bei ihren Studien, etwa bei Kartierungen oder bei der Materialsuche. Und dann schulen wir sie, damit sie selbständig unser naturkundliches Programm abhalten können, je nach Erfahrung zuerst für Kinder und Jugendliche, dann auch für das erwachsenen Publikum. Man recherchiert täglich nach neuen Informationen zu unseren Themen, auch dabei leisten unsere HelferInnen unschätzbare Dienste. Aufgaben gibt es also mehr als genug.

6) Was bedeutet für euch ‘tieferes Reisen’?

Wenn man mich nach “tieferem Reisen” fragt, dann gehe ich davon aus, dass ein Reisen mit mehr Sinn gemeint ist. Also nicht ausschließlich Vergnügen, wobei ich betonen will, dass ich nichts gegen Vergnügen habe. Und ich akzeptiere, dass jeder ein Recht dazu hat eine Reise nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Für mich persönlich ist es spannend die verschiedensten Aspekte des Reiselandes zu erfassen. Ich möchte genauso viel über die Geschichte wissen, wie über die Naturgeschichte. Ich möchte wissen, wie die Menschen dort seit Urzeiten gelebt haben. Am Mittelmeer bedeutet es automatisch auch nach dem Weg der Nutzung des Meeres zu fragen: Wie haben sie Tunfische gejagt? Hat es Schwammfischerei gegeben? Mit welchen Gütern haben die Menschen gehandelt? Was waren ihre kulinarischen Spezialitäten? Welche “verrückten Dinge” aus dem Meer haben sie gegessen? Welche Tänze haben sie getanzt, Lieder gesungen und Gebete gebetet? All das und vieles mehr macht den Reiz eines Landes für uns Besucher aus. Darum versuchen wir auch all diese Aspekte unseren Gästen zu vermitteln.

Schule am Meer_landschaftEs geht auch darum zu verstehen, wie arm die Menschen oft an den Küsten und auf Inseln waren – ihre Möglichkeiten waren oft beschränkt. Wir neigen manchmal dazu, dass wir zuviel Selbstmitleid haben und unser eigenes Leben als hart erachten. Das mag in Einzelfällen zutreffen, doch war das Leben der Menschen früher allgemein noch viel härter, ja geradezu unvorstellbar für uns – der Kampf der Seeleute gegen die Elemente etwa. Auch solche Einsichten gehör dazu “tiefer zu reisen”.

Eine ganz besondere Erfahrung ist es mit Menschen zu reden – wenn es möglich ist in ihrer eigenen Muttersprache, mehr aus ihrem eigenen Mund zu lernen. Ob es die Küche ist, die Jahreszeiten (wir haben keine Vorstellung, wie lang der Winter auf einer Insel sein kann), die lange Weile, wenn es tagelang regnet. Denn das Mittelmeer der Urlaubsprospekte hat im Winter oft wenig mit der Realität gemein.

Vom Mittelmeer stammt alles, was unsere Kultur ausmacht. Letztlich auch die Religion, die Philosophie, die Medizin, die Astronomie, das Recht, die Landwirtschaft, die Haustiere … Das Mittelmeer ist einfach einzigartig und unvergleichlich. Kein anderes Meer kann ihm diesbezüglich das Wasser reichen … Zumindest etwas davon zu erfassen gehört für mich zum “tieferen Reisen”.

7) Was habt ihr in Zukunft vor?

Schule am Meer_BootIm Wesentlichen wollen wir unsere drei bestehende Eckpfeiler Forschung, Bildung und Meeresschutz weiter ausbauen und noch viel intensiver betreiben. Wenn man über viele Jahre Erfahrungen und Wissen sammelt, liegt irgendwann die Weitergabe dieser Information an die Jüngeren an. Das klingt etwas pathetisch, ich weiß. Aber für mich selbst überraschend: Ich höre es von meinen Kollegen, die schon ein gewisses Alter erreicht haben, immer häufiger. Mit dem Wissen wächst auch die Sorge um die natürliche Umwelt. Wir haben im Laufe der Jahrzehnte erlebt und mit eigenen Augen gesehen, wie der Lebensraum immer mehr degradiert wird, wie die Fischschwärme verschwanden, selbst die Seegraswiesen und die Algenbestände. Ohne diese Pflanzenbestände kann es kein gesundes Ökosystem geben. Heimtückische Gifte finden sich im Wasser, Reste unsere Medikamente und Antibabypille, Öl, Radioaktivität, Toxine, die uns bis über viele Generationen verfolgen werden. Es ist keine bloße Angstmacherei, wie manche vielleicht fälschlich annehmen. Es ist so, dass die heutigen Kinder, die bei uns Kurse besuchen, vielleicht bereits zur letzten Generation gehören, die bestimmte Dinge noch erleben können. Sie können aber nicht mehr das erleben, was die Pioniere des Tauchens in den 40ern oder 50ern noch im Mittelmeer gesehen haben. Die negative Entwicklung beschleunigt sich enorm, und sie ist global. Darum bedeutet jede Beschäftigung mit dem Mittelmeer auch schlicht das: Zu retten was noch zu retten ist!

Weitere Informationen unter: www.schule-am-meer.eu, www.mare-mundi.eu und facebook.de/mare.mundi

Fotos: © Astrid Hickmann

tiefer…länger…nachhaltiger

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